Nachschau zum Fachaustausch „Religionsfreiheit und Kinderrechte im schulischen Raum“

mit Herrn Dr. Stephan Gerbig am 13. Mai 2024 

„Religion und Schule“ ist weiterhin ein herausforderndes Thema an vielen Berliner Schulen. Im Bildungs- und Empowermentprojekt „Die Freiheit, die ich meine“ von Gesicht Zeigen! sprechen wir regelmäßig mit Schüler*innen, Stadtteilmüttern und Lehrkräften über dieses Thema. 

Während Schüler*innen sich immer wieder in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt oder sogar abgewertet sehen, wird häufig deutlich, dass viele Lehrkräfte verunsichert sind, was die rechtlichen Rahmenbedingungen rund um Schulrecht, Religionsfreiheit, Kinderrechte und Erziehungsrechte der Eltern betrifft.  Oft geht damit auch die Frage der eigenen Haltung und Positionierung einher. Um hier mehr Klarheit zu bekommen, haben wir den Kinderrechtsexperten Dr. Stephan Gerbig eingeladen und mit ihm und anwesenden Pädagog*innen die mögliche Vereinbarkeit der verschiedenen Rechtsansprüche diskutiert. 

Dr. Stephan Gerbig forscht und publiziert seit vielen Jahren zum Thema Kinderrechte und hatte sich auch in seiner Arbeit in der Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention am Deutschen Institut für Menschenrechte intensiv diesem Thema gewidmet. 

Ausgehend von der UN-Kinderrechtskonvention skizzierte Herr Dr. Gerbig die völkerrechtliche Verpflichtung Deutschlands und deren konkrete Bedeutung für die pädagogische Arbeit und hob dabei die besondere Relevanz von Art. 3 (das Recht auf vorrangige Berücksichtigung des Kindeswohls) und Art. 12 (das Recht auf Gehör und Berücksichtigung der Meinung eines Kindes) hervor. In Konfliktfällen sei im Zweifel die Entscheidung zugunsten des Kindes zu treffen und das Kindeswohl könne immer nur dann berücksichtigt werden, wenn es im Vorhinein und unter Einbeziehung des Kindes ermittelt worden sei. 

Inwiefern die UN-Kinderrechtskonvention die Religionsfreiheit der Kinder stärkt, machte Herr Dr. Gerbig anhand verschiedener Beispiele deutlich. So wies Herr Dr. Gerbig zum Thema Religionsmündigkeit darauf hin, dass Deutschland durch die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention einen Paradigmenwechsel vollzogen hat. Nun können sich auch Kinder unter 14 Jahren auf die Religionsfreiheit berufen und die Religionsfreiheit des Kindes sei nicht (mehr) dem religiösen Erziehungsrecht der Eltern nachgeordnet. Vielmehr sei das religiöse Erziehungsrecht nun von der Religionsfreiheit des Kindes abhängig. 

Der weitverbreiteten Annahme, dass Schule kein Ort für Religionsfreiheit sei, widerspricht Herr Dr. Gerbig. Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention enthält einen klaren Rahmen zur Verwirklichung bestmöglicher Bildung. Dieser impliziert, dass junge Menschen ein diskriminierungskritisches Bewusstsein entwickeln sollten. Die Bildung des Kindes muss laut Artikel 29d darauf gerichtet sein, zu einem verantwortungsbewussten Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie zu Ureinwohner*innen vorzubereiten. 

Überdies schreibt das Grundgesetz gegenüber Religionen eine fördernde Neutralität fest, womit auch Schule als ein Ort für Religionsfreiheit verstanden werden sollte. Beten in der Schule ist somit nicht grundsätzlich verboten. 

In der Fragerunde nutzten die Teilnehmer*innen die Gelegenheit, rechtliche Unsicherheiten aus ihrer pädagogischen Praxis zur Diskussion zu stellen. Diskutiert wurde der Anspruch des Kindes auf Sexualaufklärung in Konflikt mit dem religiösem Erziehungsrecht der Eltern – Herr Gerbig betonte in diesem Zusammenhang die menschenrechtliche Pflicht, jungen Menschen ein mündiges Aufwachsen zu ermöglichen, wozu ein verantwortungsbewusster Umgang mit Sexualität gehöre. Von schulischer Seite müsse man grundsätzlich immer zuerst auf pädagogische Ansätze setzen, anstatt auf Sanktionen. Wenn Religion junge Menschen in ihrer Entfaltung behindert und im Elternhaus für Abwertungsmechanismen und Menschenfeindlichkeit instrumentalisiert wird, plädiert Herr Dr. Gerbig dafür, die Jugendhilfe einzuschalten. Angesichts der Überlastung der Jugendämter sei es sinnvoll, alle pädagogischen Maßnahmen von Anfang an schriftlich zu dokumentieren und auch genau darzustellen, ob andere Schüler*innen ebenfalls durch die religiöse Einflussnahme gefährdet werden. Im Extremfall seien – nach der Ausschöpfung aller pädagogischer Mittel! – auch die zuständigen Behörden zur Extremismusprävention hinzuziehen. 

Eine der größten Schwierigkeiten in der Durchsetzung der Kinderrechte ist laut Herrn Dr. Gerbig die Unkenntnis von Kindern über ihre eigenen Rechte. Dies fand das Deutsche Kinderhilfswerk vor einigen Jahren in einer groß angelegten Umfrage heraus. Die UN-Kinderrechtskonvention werde häufig sehr reduziert, meist auf das Recht von Kindern, nicht geschlagen werden zu dürfen.  

Was kann dann helfen, wachsam zu bleiben und Kinder darin zu bestärken, ihre Rechte einzufordern? 

Am wichtigsten sei ein meist unterschwelliges Störgefühl bei Betroffenen. Oft sei eine empfundene Ungerechtigkeit ein Indikator dafür, dass es eine korrespondierende Menschenrechtsverletzung geben könne. Dr. Stephan Gerbig plädierte für eine Sensibilisierung junger Menschen, dieses Gefühl nicht herunterzuschlucken, sondern nach Wegen des Ausdrucks und möglicher Abhilfe zu suchen. In diesem Zusammenhang sei es auch sehr wichtig, dass es in Schulen kindgerechte Beschwerdestellen gebe. Hessen sei in dieser Hinsicht sehr progressiv, während die Schulen in Berlin selbst für das Beschwerdemanagement zuständig seien. Ein Berliner Teilnehmer äußerte, sich damit überfordert zu fühlen. Herr Dr. Gerbig bestätigte, dass es für solche Beschwerdestellen umfassende juristische, medizinische und pädagogische Expertisen braucht, was einzelne Schulen so nicht leisten können. Optimal sei ein multiprofessionelles, schulübergreifendes Konzept. 

Im Zusammenhang mit Diskriminierungserfahrungen aufgrund der Religion sei es wichtig, außerschulische Beratungsstellen als wertvolle Ressource zu begreifen, da Schule sowohl den Minderjährigen als auch dem Personal häufig als relativ geschlossenes System gegenüberstehe. Ohnmacht, so Herr Dr. Gerbig, sei ein typischer Nährboden für systematische Menschenrechtsverletzungen.   

Bei allen Beispielen plädierte Herr Dr. Gerbig stets für eine Einzelfallbetrachtung. Letztendlich gehe es um ein verantwortungsvolles Aufwachsen, um ein Miteinander, um Toleranz.  Ob beim Fasten, beim Beten oder bei der Forderung nach einem Gebetsraum: Entscheidend sei immer die konkrete Situation und das konkrete Konfliktpotential. Herr Dr. Gerbig betonte: Man muss Situationen auch erproben, um das beurteilen zu können. Und letztendlich müsse auch das dynamisch betrachtet werden, weil sich Personenkonstellationen und Positionierungen in Schule immer wieder schnell ändern. Manche Dinge, so Herr Dr. Gerbig abschließend, seien es wert, mutig zu sein und Neues auszuprobieren. Das gehe am besten im direkten Dialog mit den betroffenen Kindern.